Die Schlappe von Microsoft ist noch nicht lange her. Das neue Dateiformat von Microsoft Office 2007, OpenXML (OOXML), wurde im Schnellverfahren bei der ISO als internationale Norm abgelehnt. Nun folgt die Fehlerbehebung seitens Microsoft (oder besseres Marketing und kosmetische Korrekturen ohne wirkliche Fehlerbehebung, man wird sehen) und frühestens im Februar 2008 kommt es zur nächsten Abstimmung, bei der es dann wirklich heißt: durchgewunken oder weg vom Fenster.

Wie dieses Spiel auch immer ausgehen mag (denn dieser ISO-Prozess ist zum Spiel verkommen; man lese sich diverse Heise-Artikel und sonstige Publikationen im Netz über OOXML und die seltsamen Vorgänge in den nationalen Normenorganisationen durch). Eines ist sicher: Das nächste Dateiformat, das 2008 zur ISO-Abstimmung kommen wird, ist OpenDocument (ODF) 1.2, das derzeit noch bei der OASIS den letzten Schliff bekommt.

Die Hürde für ODF 1.2 wird um ein Vielfaches höher liegen als 2006, als ODF 1.0 offiziell als ISO-Norm anerkannt wurde. Wieso? Für die Antwort muss man kein Hellseher sein.

Erstens gibt es heute mehr ODF-Kritiker als früher.

Die Anzahl der stimmberechtigten Staaten und die Anzahl der stimmberechtigen Mitglieder in den einzelnen nationalen Normenorganisationen hat exorbitant zugenommen. Wie oben bereits erwähnt, gibt es zu diesen Vorgängen genug Artikel im Netz zu finden. Die Auswirkung davon ist aber eine, die Rob Weir in einem seiner Blog-Beiträge als Grafik sehr anschaulich illustriert: How to Hack ISO vom 4. September 2007, Diagramm über die Verteilung von „Approval/Disapproval“-Stimmen bei der ISO.

Dieses Diagramm zeigt, dass während des ISO-Schnellverfahrens für OOXML die Zahl der Befürworter stark angestiegen ist (analog zur Zunahme neuer Mitglieder; Altmitglieder haben mehrheitlich gegen OOXML gestimmt; siehe die Tabelle in Rob Weirs Blog-Beitrag). Viele Microsoft freundlich gestimmte Firmen und Partner von Microsoft sind den nationalen Normenorganisationen beigetreten und haben zu mehr Gewicht für OOXML beigetragen. Zusätzlich, und das ist das Ausschlaggebende, haben eine ganze Reihe von Staaten einen Antrag auf Stimmberechtigung bei der ISO angefordert. (Nicht alle Staaten sind bei einer Normenabstimmung stimmberechtigt. Diese Berechtigung muss man sich vorher holen, um den sogenannten P-Status zu erhalten.) Alle diese neuen P-Staaten sind Dritte Welt- oder relativ arme Staaten wie die Elfenbeinküste, Syrien und Kasachstan und fast alle von ihnen haben (überraschenderweise?) für OOXML gestimmt.

Es ist davon auszugehen, dass diese Staaten dann gegen ODF 1.2 stimmen werden, da sie ja beigetreten sind, um OOXML zur Norm zu verhelfen.

Zweitens gibt es heute überhaupt ODF-Kritiker.

Als ODF 1.0 zur Abstimmung vorgelegt wurde, gab es keine Gegenstimmen oder technische Mängel, die behoben werden mussten. Das lag wohl daran, dass man eine Norm für Dokumentformate als nicht sonderlich wichtig nahm. Microsoft hat dies im Nachhinein natürlich ins Fleisch geschnitten, als Staaten anfingen zu fordern, dass Daten in Dateiformaten abgespeichert werden sollten, die ISO-genormt sind.

Heute, nach vielen Schlachten für und gegen OOXML, gibt es auch haufenweise Kritiker und Geschäftsleute, die gegen ODF wettern. Egal ob OOXML dann Norm ist oder nicht, ODF 1.2 wird es nicht mehr so leicht haben wie früher.

Drittens wurden die Anforderungen an OOXML hoch gelegt.

An OOXML werden hohe Anforderungen gelegt (zumindest von Staaten, die „Nein mit Kommentaren” gestimmt haben), was Interoperabilität, Zugänglichkeit, Implementierbarkeit, Zusammenarbeit mit anderen Standards usw. angeht. Die selben Anforderungen werden dann auch für ODF 1.2 gelten. Man wird sehen, ob die ODF-Arbeitsgruppen wirklich gründlich und unabhängig gearbeitet haben, wenn die Kritiker mit dem Suchen von technischen Mängeln oder Abhängigkeiten zu Sun-Produkten in ODF 1.2 beginnen.

Die Hürde für ODF 1.2 wird größer sein, wenn OOXML als ISO-Norm scheitert, und kleiner, wenn OOXML doch noch zur Norm wird. Darum wundert es nicht, dass Sun Microsystems (der Hauptproduzent und Schirmherr von OpenOffice.org und OpenDocument) die Normierung von Microsofts OOXML befürwortet.

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